Verwandlungsunterricht – das graziöse Zusammenspiel von Physiologie, Psychologie und Magie

Betrachtet man das Schulleben in Hogwarts oder in anderen Schulen, so ist der Verwandlungsunterricht eines der wichtigsten und angenehmsten Dinge, die es überhaupt gibt. Um sich hier einen subjektiven Satz zu erlauben – in meinen Augen ist es selbstverständlich das Beste!

Die Verwandlung ist mit Sicherheit keine leicht zu erlernende Kunst, andererseits schult sie eifrige Schüler auf sehr unterschiedlichen Gebieten und vermittelt diese auf erfreuliche Weise. Sie werden feststellen können, dass alle großen Verwandlungsmeister sehr ausgeglichen, beinahe abgebrüht, sind und die Fähigkeit haben, strukturiert zu denken. Gleichzeitig zu dieser Struktur besitzen sie jedoch auch eine hohe Flexibilität. Um diese Eigenschaften verstehen zu können, muss man das Wesen von Verwandlungen verstehen. Es handelt sich hierbei um einen komplexen Zweig der Magie, bei dessen Erforschung und Anwendung viele Fehler passieren können. Ist der Anwender also nicht in der Lage, die nötige Konzentration und Willensstärke aufzubringen, wird sein Vorhaben zwangsläufig scheitern. Gleichzeitig muss man die mühsam gebündelten Gedanken, die während der Verwandlung kanalisiert werden, sehr schnell, man könnte sagen, kreativ, verändern und umwandeln, bis sie das gewünschte Ergebnis liefern. Wer diese Verfahren jahrelang praktiziert hat, muss sich dabei folglich auch selbst diszipliniert haben.

Als die Lehrmeister der ersten Generation sich Gedanken machten, wie das Wissen um die Verwandlung zu vermitteln sei, herrschte diesbezüglich sehr große Uneinigkeit. Man muss dabei sehr weit in der Historie zurückgehen:
Die ältesten, auch den Muggeln bekannten, Hochkulturen waren bereits in Frühstadien der Verwandlung bewandert. Beispielsweise seien hier die Ägypter genannt, die insbesondere die Verwandlungen in katzenartige Lebensformen präferierten. Hier war die primäre Unterrichtsmethode, einen Schüler so lange praktische Übungen vollführen zu lassen, bis ihm die nächste Stufe der Ausbildung gelang. Dabei war ein Schüler nicht auf einen Lehrmeister beschränkt. Dadurch hatte der Lehrling keine Struktur und keine Absicherung in seiner Ausbildung. Diese Methode war natürlich äußerst gefährlich für die Schüler und auch die Lehrmeister, wenngleich die begabteren Zöglinge dadurch vergleichsweise schneller ans Ziel kamen als die chronologisch Folgenden im byzantinischen Reich. Hier entwickelte sich die Unterrichtsmethode als eine regelrechte Gegenbewegung gegen das unkoordinierte Ausprobieren der Ägypter.

Die Lehre war in zwei Hälften gespalten, von denen eine theoretischer und die andere praktischer Natur war. Dabei mussten in den Anfängen beide Teile bei einem Meister erarbeitet werden. Erst nach einigen Jahrhunderten lockerte sich die Regel zu zwei erlaubten Lehrmeistern: pro Abschnitt einer, mit Rücksprachen über die erlernten Methoden. Alle anfänglichen Unterrichtseinheiten waren theoretischer Art. Erst, wenn der Schüler sämtliche geistige Lektionen durchlaufen hatte, durfte er sich an der Ausführung eben dieser versuchen. Sie können sich vorstellen, inwieweit sich das auf die Effizienz des Unterrichtes auswirkte.

Als es daran ging, Bildung zunehmend zu standardisieren und der breiten Masse zugänglich zu machen – zu Zeiten Godric Gryffindors, Helga Hufflepuffs, Rowena Ravenclaws und Salazar Slytherins – hatte diese Methode einen Zustand erreicht, der unabhängig von der Unmöglichkeit, sie in ein Unterrichtskonzept zu integrieren, große Probleme hatte. Erstens war das Wissen um theoretische Verwandlung immer weiter gewachsen, und so zum einen nicht mehr komplett strukturierbar, andererseits dauerte es gut ein Jahrhundert, bis ein Schüler mit der praktischen Ausbildung beginnen konnte. Zweitens schien es schwierig bis unmöglich, die Devise, einen Auszubildenden in die Obhut von maximal zwei Lehrmeistern zu geben, umzusetzen.
Daher wurde ein Verfahren entwickelt, das dem heutigen Verwandlungsunterricht sehr ähnlich sieht, wenngleich es noch nicht ganz ausgereift war, und wohl auch lange noch nicht ist. Emeric Wendel hält sich in seinen Büchern über „Verwandlungen für Lernende“ weitestgehend an die zugehörigen Lektionen, weshalb es als Begleitlektüre im Unterricht so beliebt ist. Lassen Sie mich nun jedoch zu dem spannenderen Teil meiner Ausführungen kommen.

Die Ausbildung in Verwandlung stützt sich nach heutigen Standards auf die drei Grundsäulen „Physiologie“, „Psychologie“ und „Magie“. Man versucht im Unterricht, die drei Säulen bei einem Schüler ausgewogen wachsen zu lassen. Stellt man sich einen runden Tempel vor, der drei Säulen hat, die im Dreieck stehen, so ist das Dach des Tempels waagerecht, parallel zum Erdboden, wenn alle Säulen gleich hoch sind. Je höher die Säulen, desto größer ist der Fortschritt eines Verwandlungsschülers. Sind die Säulen jedoch im höhentechnischen Ungleichgewicht, so stürzt das Dach herunter, auch wenn eine Säule recht hoch ist. Es kommt vor, dass ein magisch sehr begabter Schüler anfangs Schwierigkeiten in Verwandlung hat, weil er diese Energie noch nicht zu bündeln vermag. Dazu braucht es Kenntnisse und Erfahrung mit „Physiologie“ und „Psychologie“.

Der Unterricht macht daher so viel Spaß, weil die Schüler auch viel über sich selbst lernen können und ihren Geist disziplinieren. Außerdem erlangen sie ein Gespür für ihren und fremde Körper. Das Einschätzen ist ein ganz zentraler Punkt. Für eine gelungene Verwandlung muss ich Zustände, Verhältnisse, Situationen und letztlich auch mich selbst einschätzen lernen.
Unter den Sicherheitsregeln bietet das Fach Verwandlung auch die Möglichkeit des experimentellen Ausprobierens für jede Fortschrittsstufe. Freuen sich Erstklässler noch riesig über die Verwandlung eines Kronkorkens in eine Münze – selbst wenn auf dieser dann noch ein bunter Aufdruck steht – so kann man als Viertklässler bereits durch das Verwandeln von angereicherter Luft in Feuer Kerzen anzünden (was mir im Dezember durchaus schon amüsante Situationen mit Weihnachtsbäumen in den Unterrichten bescherte).

Nun möchte ich abschließend noch eine kleine Geschichte erzählen, die ich zu meiner Schulzeit erlebte, und durch die ich angespornt wurde, mich für Verwandlung mehr zu interessieren. Es war also auch ein wichtiges Ereignis auf meinem Weg zur Verwandlungslehrkraft:
Eine Mitschülerin plagte am Anfang der ersten Klasse ein schrecklicher Anfall von Heimweh. Sie hatte ein gutes Elternhaus und eine glückliche Kindheit gehabt, weshalb sie sich schwerlich mit dem Gedanken anfreunden konnte, plötzlich unerwartet im Internat zu leben. In der ersten Verwandlungsstunde hörte ich meinem Lehrer kaum zu – ich war noch viel zu überwältigt von den großen Gängen und Hallen (und wäre beinahe zu spät gekommen, weil ich am Morgen eine falsche Abzweigung auf dem Weg zum Unterricht genommen hatte). Allerdings stand in großen roten Lettern ein Satz an der Tafel, den ich nie vergessen werde:

„Fokus ist der Schlüssel“

Ich hatte, ohne es zu merken, diese Buchstaben angestarrt und die Worte tief in mein Gedächtnis geprägt. Als ich das besagte Mädchen am nächsten Morgen beim Frühstück sah, wollte ich ihr gerne helfen, wusste jedoch nicht wie. Ich dachte nach, was man alles tun könne, damit es ihr besser ginge. Und plötzlich, wie ich so auf ihren Toast stierte, zeichnete sich darin ein braun-gebackenes, lächelndes Gesicht. Ich hatte an alle möglichen Verwandlungen gedacht, aber nicht an so etwas Simples. Dennoch munterte diese simple Geste mein Gegenüber ungemein auf! Ich hatte dadurch zwei Dinge gelernt: Manchmal müssen Verwandlungen nicht spektakulär sein, um eine große Wirkung zu haben und manchmal braucht es keinen Großmeister, um etwas Großes zu bewirken. Ich hoffe, dass ich nicht nur auf dem Gebiet der Verwandlung, sondern auch auf dem Gebiet der Charakterbildung eine gute Lehrerin für meine Schüler sein kann und das Beste aus ihnen heraushole.

Zurück-Pfeil Index-Hut Vor-Pfeil